Kompetenz und Motivation

Kompetenz und Motivation

Wie eingangs bereits erwähnt, wird White (1959, 1969) zu den ersten Autoren gezählt, die den Kompetenzbegriff in die wissenschaftliche Literatur eingeführt haben. Er führte den Kompetenzbegriff als Reaktion auf triebtheoretische Positionen ein.

White (1959) hat nach einer grundlegenden Kritik der Triebansätze (Freud) zur Motivation  als gemeinsames Ziel höherer menschlicher Tätigkeit „kompetent sein“ (zum Beispiel Sprache, Denken, Explorationsverhalten) dargestellt. Diesen Tätigkeiten liege eine „Wirkungsmotivation“ (effectance motivation) zugrunde. Anders ausgedrückt bedeutet das, etwas gut zu können, ist in sich motivierend genug, eine Erklärung mit Hilfe primärer Bedürfnisse ist überflüssig (vgl. Sommer, 1977, S.80).

Der Kompetenzbegriff wurde von ihm als eine motivationale Kraft menschlichen Handelns definiert. Er wandte sich gegen die Idee, dass Triebreduktion das einzige Handlungsprinzip sei und zeigte vor allem anhand entwicklungspsychologischer Forschungen, dass die Beeinflussung oder Beherrschung der Umwelt einen wesentlichen Antrieb für menschliches Handeln und eine Quelle von Zufriedenheit darstellt.

So entsteht nach White Befriedigung durch die Wirkungen, die vom eigenen Handeln ausgehen, durch das Gefühl, Veränderungen in der Umwelt verursachen zu können.

Mit der Umwelt zufrieden stellend zu interagieren, wird von White als ein genuines (angeborenes, erbliches) menschliches Anliegen bezeichnet.

Die Quelle der Befriedigung durch menschliches Handeln sieht er im Gegensatz zu vielen Psychologen seiner Zeit in den Wirkungen auf die Umwelt, nicht in homöostatischen Prozessen des Triebabbaues, der Stimulierung usw.

Kompetenz in diesem Sinne zu erlangen, ist nach White also die treibende Kraft menschlichen Handelns. Kompetenz bemisst sich an realisierten Handlungen und nicht an abstrakten Dispositionen.

White´s Argumentation zielt vor allem darauf ab, Belege gegen triebtheoretische Motivationsmodelle ins Feld zu führen. Das Kompetenzkonzept als solches führt er zwar begrifflich ein, präzisiert es jedoch nicht weiter (vgl. Nöbauer, 1999, S. 12f.).

An dieser Stelle möchte ich noch einmal auf die Untersuchung von Schabmann & Klicpera (1996) zurückkommen, um auf ein weiteres Ergebnis hinzuweisen. Bei der Befragung der 270 Einrichtungen wurde unter anderem auch die Einschätzung nach der Wichtigkeit der Arbeitsmotivation gefragt. 100% der untersuchten Einrichtungen schätzten die Arbeitsmotivation als „sehr wichtig“ für die (erfolgreiche) berufliche Integration ein. Diese Einschätzung von 100% lässt meines Erachtens den Schluss zu, dass es in Hinblick auf die Motivation ein Problem gibt.

Nach dem Motivationskonzept von White könnte das bedeuten, dass Menschen mit einer intellektuellen Behinderung bei der Arbeit zu wenige Möglichkeiten geboten bekommen, das Gefühl zu entwickeln, in der Umwelt Veränderungen verursachen zu können.

Nach White wäre die Beeinflussung bzw. Beherrschung der Umwelt ein wesentlicher Antrieb für menschliches Handeln und würde die Quelle von Zufriedenheit darstellen.

Auch Zigler und Mitarbeiter stießen im Zuge einer Untersuchung  zur Motivation von Menschen mit einer intellektuellen Behinderung auf Hinweise, dass deren Verhalten (Außengerichtetheit, rigides Verhalten) zwar die einzige mögliche Adaption an die einschränkende Umwelt ist, dass eine solche Anpassung aber nicht zu einer Weiterentwicklung der Individuen führt. Balla & Zigler weisen ferner nach, dass diese Personengruppe mit zunehmender Abhängigkeit ihr „Selbst-Konzept“ über eigene Handlungsmöglichkeiten immer mehr reduziert. Und schließlich zeigen Untersuchungen zur „erlernten Hilflosigkeit“, dass die sich abzeichnende Annahme über die eigene Unfähigkeit zu einer massiven Einschränkung des eigenen Handlungsspielraums bis hin zu Apathie und Depression führt (vgl. Holtz, 1994, S. 136f.).

An dieser Stelle werden die Ausführungen und die Diskussionen über den Begriff Kompetenz beendet. Im folgenden Abschnitt wird nun versucht, das Konstrukt der sozialen Kompetenz genauer zu definieren und Erhebungszugänge zu beschreiben.