Bedeutung des Kompetenzbegriffes

Zur Bedeutung des Kompetenzbegriffes für Menschen mit einer intellektuellen Behinderung

Bereits Doll (1936) sprach sich gegen die gebräuchliche Verwendung von Intelligenztests aus und hielt das dem Binet-Konzept zugrunde liegende Intelligenzalter zur Diagnose intellektueller Behinderung für denkbar ungeeignet. Man müsse das Intelligenzkonzept um soziale Aspekte erweitern, um mit dessen Hilfe zu einer angemessenen Einschätzung unterschiedlicher Grade mentaler Retardierung zu gelangen. Die von Doll initiierte „Vineland Social Maturity Scale“, die von Bondy et al. (1969) in die TBGB aufgenommen wurde war der Versuch, dieses Anliegen auch psychometrisch umzusetzen. (vgl. Holtz, 1994, S. 114).

Aufgrund der verstärkten Bemühungen, Menschen mit Behinderung in alle gesellschaftlichen Bereiche zu integrieren, scheint es heute so notwendig wie nie zuvor, die Kompetenzen jedes einzelnen zu fördern und zu trainieren, um die alltäglichen situativen Anforderungen so effektiv und mit so wenig Unterstützung wie möglich bewältigen zu können.

Sommer (1977) schreibt dazu, dass die Bedeutung von Kompetenzen einleuchtend sein dürfte:

„Kompetenz meint die Verfügbarkeit und angemessene Aktualisierung von Verhaltensweisen zur effektiven Auseinandersetzung mit konkreten Lebenssituationen.“ (Zitat nach Sommer, 1977, S. 71)

In dieser Definition wird als effektives Verhalten jenes verstanden, welches dem Individuum kurzfristig und langfristig ein Maximum an positiven und ein Minimum an negativen Konsequenzen bringt, gleichzeitig für die soziale Umwelt und die Gesellschaft kurz- und langfristig zumindest nicht negativ, sondern möglichst auch positiv ist (vgl. Sommer, 1977, S. 75).

Diese Definition von Kompetenz lässt den Schluss zu, dass Verhaltensabweichungen als Hinweis auf fehlende Kompetenzen gesehen werden können. Diese Annahme wird auch von Philips (1970) vertreten, der wie folgt schreibt:

„Abweichendes Verhalten ist keine Krankheit, die das Individuum befallen hat, sondern Ausdruck dafür, dass die Gesamtperson aktiv–wenn auch ineffektiv– versucht, mit ihrer Umwelt zu Rande zu kommen. Personen, die sich unangemessen verhalten, brauchen Hilfe, um Möglichkeiten kennen zu lernen, wie sie am Leben in ihrer Gemeinde effektiv teilhaben können. Wenn wir „Pathologie“ so betrachten, dann müssen alle Programme zum Ziel haben, die soziale Kompetenzen von Individuen zu entwickeln.“ (Zitat nach Phillips, 1970, S. 232)

Unter diesem Gesichtspunkt scheint es besonders für die Rehabilitation von Menschen mit einer intellektueller Behinderung gerechtfertigt zu sein, das Training von Kompetenzen in den Mittelpunkt aller Bemühungen zu stellen. Diese Bemühungen könnten auch als primäre Prävention bezeichnet werden, das heißt das Verhindern von Verhaltensproblemen geschieht durch Reduktion von Umweltbelastungen und/oder durch Vermittlung von Fertigkeiten zur effektiven Auseinandersetzung mit konkreten Lebenssituationen. Dabei sollten die grundlegenden Probleme und Situationen, die im täglichen Leben zentral sind, im Mittelpunkt der Rehabilitationsbemühungen stehen. Menschen mit einer intellektuellen Behinderung sollten lernen können, erfolgreich mit diesen Problemen und Situationen umzugehen. Wenn es gelingt, Kompetenzen zu vermitteln, die für die Bewältigung relevanter Lebensprobleme notwendig sind, besteht die Hoffnung, die psychische Gesundheit der Betroffenen erheblich zu verbessern (vgl. Sommer, 1977, S. 73).

Der Einfluss von mangelnder sozialer Kompetenz auf die psychische Gesundheit wurde bereits von Bryant und Trower (1974; zitiert nach Sommer, 1977, S. 74) nachgewiesen. Sie stellten eine hohe Korrelation zwischen mangelnder sozialer Kompetenz (Schwierigkeiten und Versagen im Bereich sozialer Interaktion) und psychischen Störungen fest.

Eine angemessene soziale Kompetenz ist nicht nur für die psychische Gesundheit einer Person wichtig, sondern kann auch als notwendige Voraussetzung für die Integration in die freie Wirtschaft gesehen werden.

Dalferth (1995) schreibt zum Thema „Geistig Behinderte Menschen auf den allgemeinen Arbeitsmarkt“, dass heute in kognitiver und sozialer Hinsicht zum Tragen kommt, dass die über Jahrzehnte vermittelten sozialen Grundqualifikationen wie z.B. nicht auffallen, sich einpassen, unterordnen, Anordnungen, ohne sie zu hinterfragen, ausführen , die „irrtümlich“ im Rahmen der beruflichen Sozialisation geschützter Arbeitsbereiche vermittelt wurden, zunehmend an Bedeutung verlieren und nicht mehr im Sinne der Integrationsbemühungen sind.

Von behinderten Arbeitnehmern wird heute erwartet, dass sie Mitdenken, Fehler erkennen, selbständig arbeiten und auch eigenständige Entscheidungen treffen können. Auch Menschen mit einer intellektuellen Behinderung müssen über Schlüsselkompetenzen wie erhöhte Flexibilität verfügen, um sich rasch auf veränderte Arbeitsanforderungen oder -bedingungen einstellen zu können. In gleicher Weise werden hohe Anforderungen an die soziale Kompetenz gestellt. Auch wenn Menschen mit Behinderung in der Regel nicht mit Publikumsverkehr zu tun haben, müssen sie sich im innerbetrieblichen Gefüge kommunikations- und kooperationsfähig zeigen, Konflikte regeln können, Hilfe holen oder geben, Verständnis für den Betrieb und nicht nur für Belange des persönlichen Arbeitsplatzes entwickeln (vgl. Dalferth, 1995, S. 43f.).

Schabmann & Klicpera (1996) führten eine österreichweite Erhebung in 270 Einrichtungen zum Thema „Arbeitsintegration von Menschen mit geistiger Behinderung“ durch. Im Rahmen dieser Erhebung wurden die Einrichtungen nach der Einschätzung der Wichtigkeit einzelner Fähigkeiten und Fertigkeiten hinsichtlich der Integration auf den allgemeinen Arbeitsmarkt befragt. Dabei wurde auch erfragt, wie wichtig man die soziale Kompetenz einschätzt. Insgesamt wurde die soziale Kompetenz mit 42,86% als „sehr wichtig“ ebenfalls mit 42,86% als „eher wichtig“ und mit 14,28% als „eher nicht wichtig“ beurteilt.

Weiters wurden die 270 Einrichtungen auch befragt, welche Erfordernisse aus ihrer Sicht für die Integration von Menschen mit einer intellektuellen Behinderung in die freie Wirtschaft notwendig sind. Soziale Trainingsmaßnahmen wurden dabei mit 90,9 % als wichtige Maßnahme eingeschätzt (siehe dazu Tabelle 6).

Maßnahmen: %
Förderung der entsprechenden Tätigkeiten bereits in der Werkstätte 45,4
Soziale Trainingsmaßnahmen 90,9
Information und Aufklärung der Betriebe und Mitarbeiter 63,6
Bestmögliche Einschulung. Diese sollte 63,6
intern, d.h. von einem Betriebsangehörigen 72,7
extern, z.B. von einem Mitarbeiter der Werkstätte 9,1
von einem Arbeitsplatzassistenten 27,3
von sonstigen Personen durchgeführt werden

                                Erfordernisse aus der Sicht der Einrichtungen

Auch Dörner (1981) konnte in einem Experiment nachweisen, dass soziale Kompetenz in vieler Hinsicht wichtiger für die Lebensbewältigung ist als die Anhäufung von Wissen. In einem Computer-Simulationsexperiment, in dem die Versuchspersonen die Aufgaben eines Bürgermeisters zu erfüllen hatten, kommt Dörner (1981) zu dem Ergebnis, dass nicht etwa Intelligenz die entscheidende Erfolgsbedingung ist, sondern primär sozial kompetentes Handeln.

„Ein zentrales Merkmal des Denkens schlechter Versuchspersonen scheint uns die niedrige Einschätzung der eigenen Handlungskompetenz zu sein. Es besteht ein Zusammenhang zwischen der Selbstsicherheit der Versuchsperson und der Güte ihres Handelns.“ (Zitat nach Dörner, 1981, S. 166)

Nachdem in diesem Abschnitt die Bedeutung des Kompetenzbegriffes für die Rehabilitation von Menschen mit einer intellektuellen Behinderung diskutiert wurde, soll im nun folgenden Abschnitt der Zusammenhang zwischen Motivation und Kompetenz anhand des Motivationsmodells von White und den Untersuchungen von Zigler et al. näher diskutiert werden.