Zur Geschichte

Geschichtliches zu „Sozial und Kompetenz“

Soziale Kompetenz dürfte das Schicksal vieler eingängiger psychologischer Konzepte teilen: Es entwickelt sich zu einem „Regenschirm“-Konstrukt, unter dessen breitem Dach sich alles zu versammeln scheint, was neue Lösungen auf alte Fragen verspricht.

Die Wortverbindung soziale Kompetenz umfasst aus etymologischer Sicht zwei Aspekte. Der Begriff sozial stammt vom lateinischen „socius“ und bedeutet soviel wie „gemeinsam“ bzw. „Genosse, Gefährte, Teilnehmer“. Der Begriff Kompetenz ist ebenfalls lateinischen Ursprungs: „competentia“ stand für „Zusammentreffen“ bzw. „Zuständigkeit“ (vgl. Drosdowski G., 1989, S. 350). Will man ein tieferes Verständnis für dieses Konstrukt bekommen, scheint es aufgrund der vielseitigen Verwendung unabdingbar, zu den Wurzeln seiner Entstehungsgeschichte zurückzukehren und die Entwicklung bis heute zu verfolgen.

In der Literatur werden immer wieder zwei Personen genannt, denen die Einführung des Kompetenzbegriffes zugeschrieben wird. Zum einen wäre hier Doll (1935, 1953) zu nennen, welcher ein Instrument zur Messung sozialer Kompetenz entwarf und einige Artikel zu diesem Thema schrieb. Zum anderen White (1959), der als Reaktion auf triebtheoretische Positionen den Kompetenzbegriff einführte. Er beschäftigte sich mit der Motivationspsychologie und entwarf auch ein eigenes Motivationsmodell, auf welches ich später noch zurückkommen werde.

Wie Wine (1981) ausführt, erkannte man in der Psychiatrie die Bedeutung der Kommunikation auf die psychische Gesundheit erst in den 40er und 50er Jahren dieses Jahrhunderts. Zuvor beschäftigte sich die Psychiatrie vorwiegend mit abweichendem Verhalten, für welches entweder Dämonen oder medizinische Defekte verantwortlich gemacht wurden. Mit dem Interesse an Kommunikation begann eine Orientierung an positiven menschlichen Verhaltensweisen, eine Orientierung an psychischer Gesundheit, für die das Konstrukt der Kompetenz ganz generell eine wichtige Rolle zu spielen begann (vgl. Riedwyl, 1997, S. 56).

Von da an strahlte der Begriff in die Psychiatrie und Psychopathologie, die Sozialpsychologie, die Psychodiagnostik, die Lernpsychologie, die humanistische Psychologie und die klinische Psychologie aus.

Diese weite Verbreitung führt auch dazu, dass eine Suche nach den Wurzeln der sozialen Kompetenz eine große Zahl von Verästelungen zu Tage bringt. Deshalb findet man heute nicht nur einen Ansatz zur sozialen Kompetenz, sondern viele, die sich inhaltlich zum Teil sehr stark unterscheiden (vgl. Anwender, 1992, S. 6).

Anwender (1992) zählt folgende Ansätze auf:

  • Psychologisch motivierte Ansätze: Motivationsmodell von White (1959).
  • Pädagogisch motivierte Ansätze: Auf der Basis der Begriffe Selbstbehauptung und Selbstsicherheit wurden früh so genannte Selbstsicherheitstraining bzw. „assertiveness trainings“ entwickelt, die der lerntheoretischen Position Pawlows nahe standen.
  • An der Organisationsgestaltung motivierte Ansätze: Hier führt die Reihe von den Grundlagen der Organisationssoziologie über die betriebswirtschaftliche Organisationslehre bis hin zur Organisationspsychologie und zur Organisationsentwicklung.
  • Linguistisch motivierte Ansätze: Hier ist vor allem Chomsky (1969) zu nennen, der sich um eine Trennung der Begriffe Kompetenz und Performanz verdient gemacht hat.
  • Soziologisch motivierte Ansätze: In der Soziologie und Gesellschaftstheorie wurde der Begriff der kommunikativen Kompetenz zur Grundlage einer kommunikativen Ethik eingeführt.
  • Weitere Einflüsse: Neben der Kleingruppenforschung waren auch verschiedene methodisch-didaktische Ansätze auf eine Verbesserung der sozialen Kompetenz ausgerichtet. Als Beispiel seien genannt: Psychodrama, Encounter-gruppen und klientenzentrierte Gesprächsführung, Transaktionsanalyse und gestaltorientierte Interaktion.

In Hinblick auf die weite Verbreitung dieses Konstruktes ist es nicht verwunderlich, dass sich bis heute noch keine einheitliche Anwendung des Begriffes herausbilden konnte. Weiters kann dies als Hinweis gesehen werden, wie groß die Bedeutung der sozialen Kompetenz in allen gesellschaftlichen Bereichen sein muss (vgl. Zimmer, 1978, S. 483f.).