Erklärungsansätze

„Psychologische“ Ansätze zur Erklärung der intellektuellen Behinderung

Obwohl Eggert Dietrich in Neuhäuser (1999) ein Kapitel mit dem Titel „Psychologische Theorien der geistigen Behinderung“ veröffentlicht hat, scheint es aufgrund des momentanen Forschungsstandes nicht gerechtfertigt zu sein, von psychologischen Theorien der geistigen Behinderung zu sprechen.

Dorsch (1992) beschreibt Theorien als ein durch das Denken gewonnenes System der Verbindung von Tatsachen zu einem widerspruchslosen Zusammenhang von Gründen und Folgen.

Von den vielen Erklärungsversuchen, die es in der einschlägigen Fachliteratur zu dem Thema „geistige Behinderung“ zu finden gibt, ist mir kein Ansatz bekannt, der die oben beschriebenen Voraussetzungen beinhalten würde.

Würde es zum heutigen Zeitpunkt eine Theorie zur geistigen Behinderung geben, welche diesen Anspruch auch erfüllen könnte, würde dies meines Erachtens für die Rehabilitation dieser Personengruppe enorme Verbesserungen bewirken.

Im folgenden Abschnitt werden nun die wichtigsten Erklärungsversuche, die es zum Thema Menschen mit einer geistigen Behinderung gibt, angeführt und diskutiert.

Defekt- und schwachsinnsorientierte Ansätze

Esquirol (1838) als Nachfolger Pinels bemühte sich in seinem Handbuch der Psychiatrie die Idiotie als angeborene Geistesschwäche von der erworbenen Demenz (Verwirrtheit) zu unterscheiden. Dabei versuchte er, graduelle Unterschiede zwischen verschiedenen Stufen des „Blödsinns“ zu erstellen. Der Grad der Aufmerksamkeit stellte für ihn die ausschlaggebende Grundlage für das Verständnis dar. In diesem Zusammenhang erscheint es als interessant, dass die herabgesetzte Urteilsfähigkeit als Erklärung des Blödsinns herangezogen wird, wobei die Ursache in einer unkontrollierten Aufmerksamkeit gesehen wird. Missbildungen der Organe – gestörte Aufmerksamkeit – herabgesetzte Urteilsfähigkeit – machen bei Esquirol das Wesen der geistigen Behinderung aus. Andere Formen der ansonst fast als Einheit betrachteten Geisteskrankheit waren für Esquirol die „Melancholie, die Monomanie, die Manie und die Verwirrtheit, bei der die Organe des Denkens die nötige Energie und Kraft verloren haben, um ihre Funktionen zu erfüllen“. An anderer Stelle verdeutlicht Esquirol sein Verständnis vom Zusammenhang zwischen psychologischen Prozessen und der Geisteskrankheit (vgl. Eggert, 1999, S. 44 – 47).

Einen vielversprechenden Anfang zur empirisch-wissenschaftlichen Erforschung der geistigen Behinderung machte um die Jahrhundertwende der französische Psychologe Alfred Binet in Zusammenarbeit mit dem Arzt Theodore Simon. Im Auftrag des Ministeriums für öffentliche Erziehung hatten sie den Auftrag, eine Analyse „über die Prävalenz verschiedener Formen geistiger Anomalien“ zwecks Optimierung der Einschulung vorzunehmen. Von ihnen wurde das Konzept „geistige Behinderung“ auf zwei dichotome Sichtweisen reduziert. Einer Position zufolge ist geistige Behinderung eine Entwicklungsretardierung, wogegen die andere von einer „grundsätzlichen Andersartigkeit“ ausgeht. Für die weitere Entwicklung des Beschreibens geistiger Behinderung ist allein ihr Ansatz einer „Intelligenzmessung“ später dominierend geworden (vgl. Perrig-Chiello, 1999, S.87).

Die Klassifikation verschiedener Formen der geistigen Behinderung nach gemessener Intelligenz und die Technologie der Intelligenztests führten dazu, dass viele Jahrzehnte die Ausbildung psychologischer Theorien über das Wesen der geistigen Behinderung vernachlässigt wurde. Der Schwachsinn wurde in leichte Debilität, mittlere Imbezillität und schwere Formen der Idiotie aufgeteilt (vgl. Eggert, 1999, S. 47).

Der Psychologe H. Wegener fasst die gängige Vorstellung zur Psychologie der „Schwachsinnigen“ noch 1968 wie folgt zusammen:

„… die Persönlichkeit des Debilen ist global verändert. Alle Untersucher sind sich darin einig, dass eine Intelligenzschwäche kein partieller Defekt bleibt, sondern das Gesamtverhalten des Betroffenen im Sinne einer „Gesamtseelenschwäche“ beeinflusst. So wird das Gefühls- und Willensleben der Debilen durch ihre geistige Insuffizienz erheblich beeinflusst. Auch das Sozialverhalten ist weitgehend abhängig von der Intelligenz des Individuums, daher folgen der intellektuellen Schwäche fast immer auch Anpassungs- und Einordnungsschwierigkeiten.“ (Zitat nach Wegener, 1968, S.512)

Differenztheoretische versus entwicklungstheoretische  Ansätze

Unter dem Kapitel „Dominanz der Phänomenologie“ schreibt Eggert D. in Neuhäuser (1999):

„Ein grundsätzliches Problem von Erklärungsversuchen der geistigen Behinderung beginnt sich schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts in der wissenschaftlichen Kontroverse um Victor, das Wildkind von Averyon abzuzeichnen.“ (Zitat nach Eggert, 1970)

Jäger hatten den etwa 10jährigen Jungen nackt in einem abgelegenen Wald gefunden, wo er offensichtlich schon längere Zeit „vegetierte“ und sich von Eicheln ernährt hatte.

Für den Psychiater Pinel war der „Schwachsinn“ Victors der Ausdruck einer unveränderbaren genetischen Schädigung, jedoch für den Arzt und Pädagogen Itard eine ausgebliebene Sozialisation, also ein Umweltproblem, das korrigierbar erschien.

Der Widerspruch zwischen der Annahme eines letztlich als unveränderbar angesehenen Phänomens in der Folge von Schädigungen und dem Interesse an seiner Beschreibung und Klassifikation einerseits und dem pädagogisch-psychologischen Interesse an einer Untersuchung der Bedingungen zu einer möglichen Veränderung gestörter Entwicklungsprozesse andererseits, bestimmt in der Folge der Itard-Pinel- Kontroverse Begriffsbildung und Forschungsrichtungen. Die Kontroverse zwischen Itard als früherem „Environmentalisten“ und Pinel als „Schädigungstheoretiker“ kennzeichnet in wesentlichen Abschnitten die später folgende weitere wissenschaftliche Debatte über die Ursachen und die Therapie und Pädagogik des Schwachsinns (vgl. Eggert, D. 1999, S. 42f.).

Diese Kontroverse hat sich bis in die heutige Zeit fortgesetzt und wird seit der Publikation von ZIGLER (1969) unter dem Deckmantel als „developmental versus difference controversy“ in den USA bzw. in Europa als Differenz- vs. Entwicklungsmodelle der Theorien der geistigen Behinderung weitergeführt.

„Eine äußerst lebhafte Diskussion ist in den letzten 20 Jahren über die Frage geführt worden, ob geistig Behinderte anders oder gleich lernen und Probleme lösen wie Nicht – Behinderte.“ (Zitat nach Holtz K. L.,1994, S. 42)

Die Bildung einer allgemein gültigen Theorie zur „geistigen Behinderung“ wird meines Erachtens auch dadurch erschwert, dass die Kontroverse, beginnend im 19. Jh. zwischen Pinel und Itard und in den 70er Jahren von Zigler fortgeführt, bis heute noch nicht eindeutig geklärt werden konnte und vielleicht auch nie geklärt werden kann.

Perrig-Chiello (1999) stellt die Vermutung auf, dass die Retardierungs-Differenz-Debatte möglicherweise eine artifizielle, „unechte“ Kontroverse ist, beruhend auf verschiedenen Objekt- und Analyseebenen. So könnte es durchaus sein, dass bei geistig behinderten Menschen gewisse „molekulare“ Funktionen der Informationsverarbeitung „defekt“ oder eben „anders“ sind, was sich auf einer „molaren“ Verhaltensebene bloß als Retardierung manifestiert.

Differenztheorie

Diese besagt, dass bei geistigen Behinderungen bestimmte Funktionen gestört sind oder völlig ausfallen, dass es also ein Defizit gibt, dem für das Verständnis der Behinderung eine Schlüsselstellung zukommt (vgl. Wendeler, 1993, S.57).

In der Wissenschaft wie auch in der Praxis haben differenztheoretische Ansätze die längste Tradition. Schon rein vom Phänomenologischen her werden geistig Behinderte als „anders“ wahrgenommen. Differenztheoretische Ansätze gehen davon aus, dass geistig Behinderte – bedingt durch einen bzw. mehrere Ausfälle/Defekte – nicht an allgemeinen Entwicklungsstandards gemessen werden können, da sie eine grundsätzlich andere (hinsichtlich Abfolge und Thematik) Entwicklung durchlaufen. Die prominentesten und einflussreichsten Vertreter dieses Paradigmas sind Ellis mit seiner Theorie der „Reizspurschwäche“ und die Theorie der Systemdissoziation von Luria (vgl. Perrig-Chiello, 1999, S. 87).

Entwicklungstheorie

Ein einflussreicher Vertreter der Entwicklungstheorie ist der Amerikaner Zigler (zum Beispiel: Zigler und Hodapp, 1986). Er beschränkt sich allerdings auf die leichte geistige Retardierung, während er die Möglichkeit einräumt, dass bei Menschen mit mäßiger bis schwerer Behinderung, also den „geistig Behinderten“, einige der normalen Entwicklungsgesetze nicht zutreffend sind. Jedoch andere Autoren, zum Beispiel Cicchetti und Pogge-Hesse 1982 wollen dieser Einschränkung nicht folgen und schlagen vor, die Entwicklungstheorie auch bei der Untersuchung von organisch geschädigten Kindern heranzuziehen ( vgl. Wendeler,1993, S. 54).

Zigler hat auf die Notwendigkeit der Differenzierung zwischen familiär (vererbter) und organisch bedingter geistiger Behinderung hingewiesen. Seine wissenschaftlichen Bemühungen, welche auf Piagets Entwicklungstheorie basieren, konzentrieren sich ausschließlich auf die Gruppe der familiären geistig Behinderten. Nach Zigler unterscheiden sich familiäre geistig behinderte Menschen von durchschnittlich und überdurchschnittlich intelligenten Menschen einzig durch das unterschiedliche Tempo des Durchlaufens der Entwicklungsstufen. Geistige Behinderung wird diesem Ansatz zufolge als ein Entwicklungsrückstand angesehen (vgl. Perrig-Chiello, 1999 ).

Welche der beiden Rahmentheorien die Entwicklungstheorie oder die Differenztheorie richtig ist, lässt sich zur Zeit nicht mit hinreichender Sicherheit entscheiden. Beide haben trotzdem erheblichen Einfluss auf Erziehung und Unterricht, auf die Begegnungen mit den betroffenen Menschen, den Umgang mit ihnen und das Verständnis für sie

(vgl. Wendeler, 1993, S.58).

Abschließend stellt sich die Frage, ob sich die Kontroverse leergelaufen hat und es zum jetzigen Zeitpunkt nicht sinnvoll wäre, eventuell die Möglichkeit, die sich nun bietet zu nutzen, um das bisherige Wissen beider Lager auf einer Metaebene mit neuen Paradigmata anzugehen?

Hodapp et al. (1995) stellen jedoch fest, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Hartnäckig halten die Exponenten des traditionellen und die des moderierten entwicklungspsychologischen Ansatzes an der Dichotomisierung fest.

© Mag. Walter Krug                                                 Kontakt:    info@iskie.com