Definition

Definitionen der intellektuellen bzw. geistigen Behinderung

„Ein kurzer Rückblick auf die letzten 40 Jahre verdeutlicht, dass auch die empirisch – wissenschaftlichen Evidenzen zu verschiedenen Zeitpunkten zu unterschiedlichen Positionen führten, und die Definitionen als das Ergebnis eines Konsenses aus einem komplexen sozialen Kräftegefüge der jeweiligen Epoche angesehen werden können.“ (Zitat nach Weber G., 1997, S. 18)

Der Versuch, den Gegenstandsbereich „Geistige Behinderung“ angemessen zu definieren, war lange Zeit durch die ausschließliche Orientierung am IQ geprägt. Ein Definition aus dem Jahre 1974 von Bach soll dies verdeutlichen.

„Geistige Behinderung liegt vor, wenn geringe Intelligenz im Verhältnis zur lebensaltersgemäßen Durchschnittserwartung im Sinne eines dauernden Vorherrschens anschaulich-vollziehenden Lernens trotz optimaler Erziehungsbemühungen festzustellen ist.“ (Zitat nach Bach, 1974, S. 19)

Holtz (1994) beschreibt in seinem Buch die Bemühungen vor ca. 25 Jahren in den USA, aufgrund eines allseits geäußerten Bedürfnisses, zu verbindlichen Definitions- und Klassifikationssystemen zu gelangen. Dazu wurde eine Expertengruppe gebildet, die in der Mitte der 70er Jahre ihre Vorschläge in zahlreichen Papieren veröffentlichte. Diese Arbeitsgruppe wies darauf hin und war sich ferner darüber einig, dass zwischen den unterschiedlichen Funktionen von Definitionen und deren Umsetzungen bei individuellen Fallidentifikationen (etwa bei individuellen Diagnosen) zu unterscheiden sei. Es sei demnach empfehlenswert, zwischen allgemeinen Definitionen des Forschungsgegenstandes, zwischen Definitionen der jeweiligen Personengruppen (Klassifikation) und der Zuschreibung einer geistigen Behinderung als individuelles Etikett zu unterscheiden (vgl. Holtz, 1994, S. 20).

Aufgrund der großen Anzahl von Definitionen, die es zu diesem Gegenstandsbereich gibt, scheint eine Differenzierung hinsichtlich der Adressaten, für die eine Definition bestimmt sind, sehr wichtig zu sein.

Bei dem Versuch auf das breite Spektrum an Definitionen und Aussagen hinsichtlich geistiger Behinderung einen Blick zu werfen, schreibt Theunissen (2000), dass man über alle Differenzierungen hinweg auf fünf z. T. veraltete und problematische Sichtweisen stößt, die bis heute miteinander konkurrieren und politisch wie auch handlungspraktisch in mehr oder weniger starkem Maße wirksam sind (vgl. Theunissen, 2000, S.15f.).

  • Zur psychiatrisch-nihilistischen Sichtweise
  • Zur heilpädagogisch-defizitorientierten Sicht
  • Zur IQ-Bezognen Sicht
  • Zum sog. Doppelkriterium
  • Zum „kognitiven Anderssein“

Diesen Ausführungen kann entnommen werden, dass wie Petzold  1994 beschrieben hat, geistige Behinderung eine komplexe Beeinträchtigung der Persönlichkeit eines Menschen in seinem Umfeld mit variierenden Einschränkungen auf der motorischen, sensorischen, emotionalen und kognitiven Ebene zu sein scheint.

Ein solcher Beschreibungsversuch ist bereits schon 1974 vom Deutschen Bildungsrat als Definition über geistige Behinderung veröffentlicht worden:

Nach einer Definition des deutschen Bildungsrates (1974) gilt als geistig behindert,  

„…wer infolge einer organisch-genetischen oder anderweitigen Schädigung in seiner psychischen Gesamtentwicklung und seiner Lernfähigkeit so sehr beeinträchtigt ist, dass er voraussichtlich lebenslanger sozialer und pädagogischer Hilfen bedarf. Mit den kognitiven Beeinträchtigungen gehen solche der sprachlichen, sozialen, emotionalen und der motorischen Entwicklung einher. Die Ergebnisse von validen Intelligenztests, motorischen Tests und Sozialreifeskalen können Orientierungsdaten für die Abgrenzung der geistigen Behinderung zur Lernbehinderung liefern. Die Grenze wird in der Regel bei drei Standardabweichungen unterhalb des Mittelwertes zu ziehen sein“ (S.37).

Obwohl sich die Definition des Bildungsrates von 1974 von anderen dahingehend, sehr stark unterscheidet, dass sie sich nicht nur auf den IQ bezieht, sondern sich auch mit der sozialen, emotionalen und motorischen Entwicklung beschäftigt, ist für Goll (1994) selbst diese Perspektive noch unbefriedigend, da sie die „vermeintliche Inkompetenz des Lernenden“ nicht grundsätzlich aufhebt.

Die Würdigung positiver Botschaften von Menschen mit geistiger Behinderung würde bedeuten, dass geistige Behinderung nicht als eine ausschließlich negative, sondern als eine „normale“ Variante menschlicher Daseinsform erscheinen könnte. (Theunissen, 2000, S. 25).

Wenn es darum geht, den IQ bei der Definition von geistiger Behinderung nicht mehr als Hauptkriterium zu betrachten, kann Thalhammer (1974) als Pionier gesehen werden.

„Geistige Behinderung bezeichnet diejenige Seinsweise und Ordnungsform menschlichen Erlebens, die durch kognitives Anderssein bedingt ist und die besondere lebenslange mitmenschliche Hilfe zur Selbstverwirklichung in individuellen Dimensionen und kommunikativen Prozessen notwendig macht.“ (Zitat nach Thalhammer, 1974, S.9)

Trotz der vielen Kritik über den Versuch, diesen Gegenstandsbereich zu definieren, schreibt Holtz (1994), dass kein Wissenschaftler, der sich mit dem Problemkreis „Geistige Behinderung“ befasst, heutzutage ernsthaft die Notwendigkeit von Definitionen anzweifelt. Denn Definitionen sind wesentliche Bestimmungsstücke wissenschaftlichen Handelns. Sie grenzen nicht nur den Forschungsgegenstand ein, sondern sie spiegeln im günstigen Fall auch die systematische Auslegung eines Gegenstandes in seinem normativen und empirischen Bezügen wider. Wenn sie diskutiert werden, ermöglichen sie die Auseinandersetzung mit den Institutionen und Wertsystemen, die ihre Kernannahme stützen. (vgl. Holtz, 1994, 17f.)

In diesem Abschnitt wurden ausgewählte Ansätze zur Definition des Gegenstandsbereiches „geistige Behinderung“ diskutiert. Im nächsten Abschnitt wird nun der Frage nachgegangen, welche „psychologischen Ansätze“ es eigentlich zur Erklärung der „intellektuellen Behinderung“ gibt.

© Mag. Walter Krug                                                 Kontakt:    info@iskie.com