Intellektuelle vers. geistige Behinderung

Was ist eine intellektuelle bzw. geistige Behinderung?

Wendeler (1993) weist in seinem Buch darauf hin, dass, wenn jeder Mensch ohne Bitten oder Forderungen bekommen würde, was er braucht, klassifizierende und abgrenzende Begriffe wie „geistige Behinderung“ vielleicht überflüssig wären. Weil das aber nicht so ist, sind Begriffe nötig, um auf besondere Probleme und Bedürfnisse aufmerksam zu machen (vgl. 1993, S. 9).

„Geistige Behinderung ist ein Attribut, das gegenwärtig verwendet wird, um Menschen zu kennzeichnen, die sich insbesondere wegen der extremen Schwäche ihrer intellektuellen und sozialen Handlungsfähigkeit von den üblichen Formen menschlichen Lebensvollzugs deutlich unterscheiden.“ (Zitat nach. Speck O. 1984, S. 31)

Es war die 1958 gegründete Vereinigung „Lebenshilfe für das geistig behinderte Kind“ (heute: Lebenshilfe für geistig Behinderte), die den Begriff „geistige Behinderung“ wählte, nachdem seine Vorläufer (Schwachsinn, Blödsinn, Idiotie, Geistesschwäche) mit vielen negativen Bedeutungen behaftet waren. Er soll in Anlehnung an den amerikanischen Begriff „mental handicap“ geprägt worden sein (vgl. Wendeler J., 1993, S. 9).

Bei den oben genannten Vorläufern kann auf die Geschichte verwiesen werden, die davon zeugt, dass jeder Name bei aller guten Absicht immer wieder für die gemeinten Menschen zur Belastung, zum Dauerstigma, ja zur tödlichen Bedrohung wurde, und dass man deshalb immer wieder bemüht war, ihn auszuwechseln gegen eine weniger negativ oder gar eher positiv klingende Bezeichnung. Der gegenwärtig verwendete Name „geistige Behinderung“ dürfte sich insbesondere deshalb durchgesetzt haben, weil er nicht von Nichtbetroffenen, also bloßen „Experten“, geprägt wurde, sondern von den Eltern solcher Kinder, also Mitbetroffenen (vgl. Speck O. 1984, S. 31).

Da der Begriff „geistige Behinderung“ in letzter Zeit immer öfter hinterfragt wird (z.B. Theunissen, 2000) und dabei auch immer wieder der Versuch unternommen wird, diesen durch andere Begrifflichkeiten zu ersetzen, soll an dieser Stelle noch kurz auf den Vorschlag von Weber G. (1997) eingegangen werden, der den Begriff „geistig“ mit „intellektuell“ vertauscht hat und dies wie folgt begründet.

„Durch den Austausch des Wortes geistig mit intellektuell wird verschärft auf das persistierende Merkmal bei diesem Erscheinungsbild hingewiesen, nämlich auf die Beeinträchtigung intellektuell-kognitiver Funktionen. Die Einschränkungen beziehen sich vor allem auf die Bereiche der abstrakt-analytischen und begrifflichen Intelligenz und den hiermit verbundenen mehr oder weniger stark ausgeprägten Schwierigkeiten und Begrenzungen in der Aneignung von Fertigkeiten wie z.B. dem Generalisierungsvermögen, dem abstrakt-logischen Denken, dem Vorstellungsvermögen, der Strategieentwicklung und der Strategiebefolgung.“ (Zitat nach Weber G., 1997, S. 14)

Der Austausch des Wortes „geistige“ mit „intellektuelle“ mag vielleicht besser klingen und für die Wissenschaft zutreffender sein, setzt aber meines Erachtens nicht an den Wurzeln des „kognitiven Andersseins“ an, wie dies von Talhammer beschrieben wird.

Betrachtet man „Geist“ als die dem menschlichen Denken zugrunde liegende Kraft, so kann dieser eigentlich nicht behindert sein. Setzt man dagegen „Geist“ mit Intelligenz, intellektuellen Leistungen weitgehend gleich, so kann allzu leicht die Komplexität von geistiger Behinderung aus dem Blick geraten (vgl. Theunissen, 2000, S. 13).

Gerade im Bereich der „geistigen Behinderung“ erscheint es unter dem Aspekt der wissenschaftlichen Begriffsbildung notwendig, nicht nur in eine rein theoretische Reflexion zu verfallen, sondern immer danach zu trachten, die Gesamtsituation des geistig behinderten Menschen zu betrachten, wobei besonders das „Mensch-Sein“ berücksichtigt werden muss (vgl. Weissgärber, 1993, S. 23).

Im Rahmen dieser Diskussion stellt sich die Frage, ob „geistige Behinderung“ eigentlich genau und exakt erfasst werden kann. Letztlich muss geklärt werden, ob nicht der Versuch einer solchen Definition an die Grenzen des Möglichen stößt!

Thalhammer M. und Speck O. (1977) vertreten die Ansicht, dass dieser kranke Mensch begrifflich nicht hundertprozentig zu fassen ist, denn „die Definition geistige Behinderung“ scheitert an der Ratlosigkeit derjenigen, die dieses Phänomen beschreiben und interpretieren wollen, da  die existentielle Wahrheit und Wirklichkeit in der sich der geistig behinderte Mensch befindet nicht mit Kriterien und Argumenten erfasst u. definiert werden kann.

Für diese Arbeit werde ich für die nun folgenden Kapitel immer den Terminus „erwachsene Menschen mit einer intellektuellen Behinderung“ verwenden (vgl. Theunissen, 2000, S. 14).

Nachdem in diesem Abschnitt der Frage nachgegangen wurde, was unter dem Terminus „geistige Behinderung“ im Wesentlichen verstanden wird, werden nun im nächsten Abschnitt die Versuche, diesen Gegenstandsbereich zu definieren, näher diskutiert. Dabei wird auch der grundsätzlichen Frage nachgegangen, wie sinnvoll es eigentlich ist, diesen Gegenstandsbereich zu definieren.

© Mag. Walter Krug                                                 Kontakt:    info@iskie.com