Zur Geschichte

Zur Geschichte der intellektuellen bzw. geistigen Behinderung

Menschen mit Behinderung gab es zu allen Zeiten. Die Sozialgeschichte ist auch eine Geschichte der verschiedenen Positionen, die die jeweilige Gesellschaft diesen Menschen zuwies, die sie entweder als wunderlich, verehrungswert oder als unbrauchbar und lebensunwert ansah. Die Fachtermini, mit denen eine relativ ratlose Wissenschaft sie zu klassifizieren suchte, waren u. a. „Blödsinn“, „Idiotie“, „Schwachsinn“, „Geistesschwäche“ (vgl. Speck O., 1984, S.13).

Speck O. (1984) beschreibt in seinem Buch den chronologischen Verlauf über die verschiedenen Betrachtungsweisen von Menschen mit einer intellektuellen Behinderung von der Antike bis heute. Er schreibt, dass eine „ernsthafte wissenschaftliche“ Auseinandersetzung mit dem „Schwachsinn bzw. Kretinismus“ erst ab dem 19. Jahrhundert geschah.

Bereits vor der viel zitierten Kontroverse zwischen Itard und Pinel (siehe dazu Abschnitt 1.4.2) Ende des 18. Jahrhunderts, ist auch ein Bericht von Johann Heinrich Pestalozzi Mitte des 18. Jahrhunderts erwähnenswert. Er verfasste im Jahre 1777 und 1778 einen Bericht über 2 Kinder auf dem Neuhof, die wohl die einzigen im 18. Jahrhundert gewesen sein dürften, mit denen ein Erziehungsversuch durchgeführt wurde.

Völlig unzeitgemäß war seine Überzeugung, dass auch

„Kinder von äußerstem Blödsinn, die durch gewohnte Härte dem Tollhaus aufgeopfert werden, durch liebreiche Leitung zu einem ihrer Schwachheit angemessenen, einfachen Verdienste vom Elend eines eingesperrten Lebens errettet und zur Gewinnung ihres Unterhalts und zum Genuss eines freien und ungehemmten Lebens geführt werden können.“ (Zitat nach Speck O., 1984, S.14)

Die ersten speziellen Gründungen von Schulen und Anstalten für Schwachsinnige fallen ins 19. Jahrhundert. Dieses Jahrhundert war auch geprägt von der Gründung vieler Erziehungsanstalten. Diese Welle von Gründungen erhielt später den Namen „Rettungsbewegung“.

Auch Namen wie Guggenbühl, der 1847 eine Heil- und Pflegeanstalt in Mariaberg auf der Schwäbischen Alb gründete oder Seguin, der ein Schüler von Itard war und 1846 eine Schrift über die Erziehung geistig behinderter Kinder veröffentlichte. Saegert, der 1845 in einem Buch mit dem Titel „Die Heilung des Blödsinns auf intellektuellem Weg“ veröffentlichte, Traugott Weise, der 1820 eine bemerkenswerte Schrift zur Erziehung geistesschwacher Kinder verfasste, oder Georgens und Deinhardt, die unter anderem 1861 und 1863 unter dem Titel „Heilpädagogik“ einige Vorlesungen abgehalten haben, sind prägend für das 19. Jahrhundert (vgl. Möckel Andreas, 1984, S. 3f.).

Der englische Arzt John Langdon Haydon Down publizierte 1866 seine „Beobachtungen zu einer ethnischen Klassifizierung von Schwachsinnigen“. Damit unternahm er den Versuch, die ihm bekannten Gruppen von Schwachsinnigen bestimmten Rassen zuzuordnen, und beschreibt dabei erstmals den von ihm so genannten „mongolischen Typ der Idiotie“. Beachtlich ist hierbei, dass er nicht nur Symptomatologie und eine spekulative Ätiologie darstellt, sondern auch konkrete Möglichkeiten der Behandlung mit dem Titel „systematic training“ anführt (vgl. Down, 1966, S.6).

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verursachte die Vererbungstheorie und eugenische Tendenzen Verwirrung und Unheil. Man war der Annahme, dass der Schwachsinn – und damit war vor allem der schwere Schwachsinn gemeint – meist erblich sei und zu Armut, Kriminalität und diversen Krankheiten führe und deshalb ausgemerzt werden müsse. Vor allem in Nordamerika bestimmte dieses Denken die Maßnahmen an Schwachsinnigen lange Zeit. Dazu hatte besonders ein Buch von H. H. Goddard beigetragen, das 1910 erschienen war und den Titel „Die Kalikak – Familie – Eine Studie über die Vererbung des Schwachsinns“ hatte. Die Folge dieser und ähnlicher wissenschaftlich unzulänglicher Behauptungen waren u. a. die gesetzlich bestimmte Sterilisation und die weitestgehende gesellschaftliche Isolation der Geistesschwachen, d. h. ihre lebenslängliche Internisierung (vgl. Hanselmann, 1958, S. 126-132).

In der Zeit des Nationalsozialismus kumulierte die Idee und der Grundsatz der Brauchbarkeit, und zwar hier im völkischen Sinne. Speck O. (1984) zitiert in seinem Buch den Artikel von „P. Bartsch „Meine Berufskameraden im Anstaltsdienst“ (In: Die Deutsche Sonderschule 1934, 48)“, der die weit verbreitete Einstellung gegenüber Menschen mit Behinderung zu dieser Zeit aufzeigen sollte.

„Es darf im Dritten Reich keinen Erzieher auf sog. verlorenem Posten geben und keine Stunde umsonst vertaner Kraft oder unverhältnismäßig starken Ringens um einen ganz kleinen, für die Volksgemeinschaft nur unwesentlichen Erfolg.“ (Zitat nach Speck O., 1984, S. 19)

Die Auseinandersetzung mit dieser Zeit macht mich sprachlos und erschüttert mich zutiefst. Es bleibt nur zu hoffen, dass diese Zeit für immer ein „Mahnmal des Schreckens“ bleibt und sich in der Zukunft nie mehr wiederholen wird!

Nach 1945 änderte sich zunächst wenig. Man knüpfte im Allgemeinen da an, wo man 1933 gestanden hatte. Eine Wende bahnte sich erst an, als die Eltern zur Selbsthilfe griffen und sich zu Elternvereinigungen zusammenschlossen. Dies geschah im deutschsprachigen Raum Ende der 50er Jahre und Anfang der 60er Jahre. Ein Beispiel dafür ist der Verein „Lebenshilfe“, der sich in Österreich und Deutschland bis heute als Interessensvertretung für Menschen mit einer intellektuellen Behinderung etablieren konnte.

Das Bild vom Menschen mit einer intellektuellen Behinderung hat sich bis heute aufgrund der Öffentlichkeitsarbeit und vieler Publikationen zu diesem Thema grundlegend verändert. Es würde den Rahmen der vorliegenden Arbeit sprengen, wenn ich auf alle Veränderungen, die sich in den letzten 50 Jahren für Menschen mit Behinderung ergeben haben, eingehen würde.

Die Veränderungen lassen sich seit dieser Zeit im deutschen Sprachraum in zwei Phasen unterteilen.

Die Bemühungen der „ersten Phase“ hatten zum Ziel, Menschen mit einer sog. intellektuellen Behinderung „physisch“ in die Gesellschaft zu integrieren. Damit sind zum Einen die Bemühungen gemeint, Wohnheime von der Peripherie wieder in Siedlungsgebiete unter Menschen zu bringen und die allgemeine Versorgungsstruktur für Menschen mit einer sog. intellektuellen Behinderung zu verbessern. Zum Anderen wurde versucht, ihnen den Zugang zum allgemeinen Bildungswesen zu ermöglichen und den Mythos der „Unbildbarkeit“ zu entkräften. Diese Bemühungen setzten sich bis in die 80er Jahre fort.

Die „zweite Phase“ ist dadurch geprägt, dass man sich zunehmend mehr für die „vollkommene und soziale Integration“ von Menschen mit einer sog. intellektuellen Behinderung einsetzte. Gemeint sind an dieser Stelle die Bemühungen, Menschen mit einer intellektuellen Behinderung den Zugang auch außerhalb von Einrichtungen und Institutionen zu Arbeitsplätzen, Wohnungen, Freizeitaktivitäten, usw. zu ermöglichen und für gesellschaftliche Rahmenbedingungen zu sorgen, welche es behinderten Menschen ermöglicht, ein „Leben so normal wie möglich“ leben zu können (vgl. Weber G., 2000, S.7f.).

Diese sog. „zweite Phase“ wurde ausgelöst durch die Forderung nach Normalisierung, die aus Dänemark kam und dort bereits seit 1959 im dänischen Fürsorgegesetz verankert ist. Normalisierung bedeutet demgemäß nichts anderes, als Menschen mit einer intellektuellen Behinderung ein Leben, so normal wie möglich, zuzugestehen „Dänisches Fürsorgegesetz von 1959“. Ihr Urheber dürfte Niels Erik Bank-Mikkelsen, Leiter des dänischen Dienstes für Menschen mit intellektueller Behinderung, gewesen sein. Zehn Jahre später, nämlich 1968, sind diese Vorstellungen durch Bengt Nirje, den Ombudsmann der schwedischen Elternvereinigung, in die Fachliteratur eingeführt worden.

Niels Erik Bank-Mikkelsen betonte immer wieder, dass das Normalisierungsprinzip als Korrektiv gegen die de-normalisierenden und de-humanisierenden Zustände dienen soll, die er in den Anstalten immer wieder vorfinden konnte. Er wollte mit diesem Prinzip keine absoluten Maßstäbe setzen, vielmehr soll durch die Anwendung dieses Prinzips den Behinderten gestattet werden, so normal wie möglich zu leben. Das hatte selbstverständlich auch Auswirkungen auf die bauliche Gestaltung der Einrichtungen (vgl. Neumann, 1999, S. 3f.).

Vom 14. – 18. Oktober 1985 fand in Hamburg der erste europäische Kongress der Internationalen Liga von Vereinigungen für Menschen mit intellektueller Behinderung mit dem Titel „Normalisierung – eine Chance für Menschen mit intellektueller Behinderung“ statt.

Das Stichwort „Normalisierung“ als Oberthema der Veranstaltung zu wählen, geschah nicht von ungefähr. Denn in den Jahren vor 1985 zeichnete sich für die Arbeit mit Menschen mit einer intellektuellen Behinderung in Europa ein Trend zur Eingliederung in die Gesellschaft ab. Das bedeutet, den geistig Behinderten zu einem so normalen Leben wie möglich zu verhelfen und langfristig einen Einstellungswandel in der Bevölkerung herbeizuführen.

Mutters et al. (1986) schreiben, dass es durch die Schaffung von Einrichtungen für Menschen mit einer intellektuellen Behinderung und durch gezielte Förderungen in den Jahren vor 1985 gelungen sei, Menschen mit einer intellektuellen Behinderung zu mehr Selbständigkeit zu verhelfen.

„Nun muss es folgerichtig darum gehen, ihre Mitsprache- und Mitwirkungsmöglichkeiten in diesen Einrichtungen zu verbessern. Viele geistig Behinderte sind in der Lage, ihre Anliegen zum Ausdruck zu bringen und selbst zu vertreten.“ (Zitat nach Mutters et al., 1986, S. 1)

Diese „zweite Phase“ ermöglichte Menschen mit einer sog. intellektuellen  Behinderung den Zugang zu neuen Lebensbereichen, die bisher für sie kaum zugänglich bzw. verschlossen waren. Zu diesen Lebensbereichen zählen z.B. Arbeitsplätze in der freien Wirtschaft, Wohngemeinschaften mit dem Ziel, selbständiges Wohnen zu trainieren, der Freizeitbereich, usw..

Jedoch hat die Praxis gezeigt, dass es im Zuge dieser „vollkommenen Integration“ immer wieder zu Konflikten im sozialen Bereich gekommen ist. Die vielen „Unterstützungs- und Vorbereitungsangebote“ die es zur Zeit für erwachsene Menschen mit einer intellektuellen Behinderung  gibt, haben zum Ziel, sie auf dem Weg zu einem „Leben, so normal wie möglich“ zu begleiten und ihnen die dazu notwendigen Fertigkeiten und Fähigkeiten zu vermitteln. Meines Erachtens fehlen jedoch bis heute geeignete „Förderinstrumente“, die eine zielgerichtete und effiziente Unterstützung und Begleitung von erwachsenen Menschen mit einer intellektuellen Behinderung ermöglichen.

Mit dieser Arbeit sollte zum Einen ein Beitrag geleistet werden, den Begleitern von Menschen mit einer intellektuellen Behinderung die Möglichkeit zu geben, mit Hilfe der Merkmale und Kategorien, die in dieser Arbeit zur sozialen Kompetenz erhoben werden sollten, die oben angesprochenen sozialen Probleme in den Lebensbereichen differenzierter wahrnehmen zu können. Zum Anderen sollte das Instrument zur Erfassung der sozialen Kompetenz, das in dieser Arbeit entwickelt wurde, dazu dienen, die Komplexität der Interaktionen in verschiedenen sozialen Situationen  transparenter zu machen.

Nach diesen Ausführungen zur Geschichte der „geistigen Behinderung“ wird nun der Frage nachgegangen, was intellektuelle Behinderung eigentlich ist und welche unterschiedlichen Auffassungen es dazu gibt.

© Mag. Walter Krug                                                 Kontakt:    info@iskie.com