Möglichkeiten der Erforschung

Möglichkeiten der Erforschung sozialer Kompetenz

Wie aus der bisherigen Darstellung hervorgeht, ist eines der Hauptprobleme im Bereich der sozialen Kompetenzforschung die Schwierigkeit, Kriterien für das Konstrukt der sozialen Kompetenz zu ermitteln.

Um Forschung hinsichtlich dieses Konstruktes durchführen zu können, ist es einerseits notwendig zu klären, welche Handlungen als sozial kompetent definiert werden sollen und  andererseits auf welcher „Ebene“ die Erforschung der sozialen Kompetenz angesetzt werden sollte.

Wenn in dieser Arbeit von „Ebenen“ gesprochen wird, beziehen sich diese auf die Ausführungen von Zimmer (1978), der in seinem Artikel die „Ebenenspezifität psychologischer Daten“ diskutiert.

Das Ebenen-Problem wird allgemein von ihm folgendermaßen beschrieben:

„Wir haben vom Menschen Messdaten von den verschiedenen Messebenen, biochemische, physiologische, zentralnervöse Verhaltens- und Erlebensdaten, Angaben über die Struktur der Bezugsgruppe, soziographische Lebensraum – Daten, sowie Analysen der makrosozialen Organisation der Gemeinschaft, in der das Individuum lebt. Wie lassen sich derart verschiedene Daten auf einen Nenner bringen?“ (Zitat nach Zimmer, 1978, S. 485)

Besonders für diese Arbeit mit dem Ziel, ein Inventar zur sozialen Kompetenz zu entwickeln, scheint es unumgänglich zu sein, sich mit dieser Frage näher zu beschäftigen. Kennzeichnend für die in der Einleitung beschriebenen Personengruppe ist, dass sie hinsichtlich der Art und Ausprägung der intellektuellen Behinderung eine sehr heterogene Personengruppe darstellen. Daraus folgt, dass man bei dieser Gruppe nicht davon ausgehen kann, dass alle Personen die gleichen Voraussetzungen mitbringen, um sich in verschiedenen Alltagssituationen „kompetent“ bzw. der Situation angemessen verhalten zu können.

Bei der Beurteilung der sozialen Kompetenz scheint es mir daher notwendig zu sein, verschiedene Ebenen in Beziehung zu setzen, um eine „angemessene“ Beurteilung durchführen zu können.

Jedoch gestaltet sich die Bemühung, verschiedene Ebenen in Beziehung zu setzen, in der Praxis als sehr kompliziert.

Die Ebenen-Problematik, wie sie Zimmer (1978) beschreibt, wird durch zwei Tatsachen sehr kompliziert:

a) Die Messdaten auf den verschiedenen Ebenen sind an Modelle oder Theorien gebunden (was wir als Faktum bezeichnen, hängt von den Messoperationen und den dabei gebrauchten Begriffen ab)

b) Auf jeder der verschiedenen Ebenen existieren mehrere Theorien, mithin auch unterschiedliche, kaum vergleichbare Daten (in der Psychologie konkurrieren behavioristische Ansätze mit der Gestalttheorie, psychodynamischen und anderen Schulen, in der Soziologie gibt es unterschiedliche Schichtmodelle bürgerlicher und marxistischer Ausprägung) (vgl. Zimmer, 1978, S. 485f.).

Zimmer (1978) schreibt, dass mögliche Lösungen für die Ebenen-Problematik wesentlich davon abhängen, für welche Modelle auf den einzelnen Ebenen man sich entscheidet.

Pickenhain (1968) versuchte bei der Diskussion biologischer Faktoren bei psychischen Erkrankungen, ein Ebenenmodell zu konzipieren, das helfen soll, den Zusammenhang der verschiedenen Messebenen zu verstehen.

„Für ihn stellen die psychischen Funktionen des Menschen und die komplizierten Formen menschlichen Zusammenlebens zweifellos die höchste Entwicklungsstufe dar …

Nun setzt aber die Existenz der höchsten Organisationsstufe der lebenden Materie, das Auftreten normaler und pathologischer psychischer Phänomene, stets das Vorhandensein der elementaren Organisationsstufen voraus.“ (Zitat nach Zimmer, 1978, S. 487)

Besonders bei Menschen mit einer intellektuellen Behinderung, kann man meines Erachtens nicht voraussetzen, dass alle elementaren Organisationsstufen vorhanden sind. An dieser Stelle wird auch ersichtlich, wie wichtig eine fächerübergreifende Zusammenarbeit bei der Rehabilitation von Menschen mit intellektuellen Behinderung zwischen Medizinern, Psychologen, Pädagogen, etc. ist.

Pickenhain (1968) führt insgesamt sechs Organisationsstufen an. Auf jeder dieser Organisationsstufen herrschen eigene Gesetzmäßigkeiten, zu deren Beschreibung und Erforschung spezifische Methoden erforderlich sind. In ihrer Gesamtheit repräsentieren diese Organisationsstufen die Einheit des Gesamtsystems Mensch als Glied der menschlichen Gesellschaft (vgl. Pickenhain, 1968, S. 80f.).

  1. Bereich der mikro- und makromolekularen Vorgänge des Stoffwechsels im Nervensystem, der von der Neurochemie untersucht wird (In diesem Bereich haben die neurotropwirkenden Pharmaka ihre elementaren Angriffspunkte).
  2. Bereich der mikroneurophysiologischen Vorgänge im Gebiet der Synapsen und erregbaren Membranen.
  3. Bereich der neurophysiologischen Vorgänge in immer komplizierteren Neuronennetzen.
  4. Vorgänge der höheren Nerventätigkeit als Basis für die dynamische Wechselwirkungsbeziehung zwischen Organismus und Umwelt.
  5. Bereich der individualpsychologischen Phänomene.
  6. Bereich der zwischenmenschlichen Beziehungen.

Als oberste Stufe erscheint bei Pickenhain der mikrosoziale Bereich zwischenmenschlichen Zusammenlebens. Für Zimmer (1978) ist es unverständlich, dass Pickenhain nicht als siebte und höchste Organisationsstufe die der „gesamtgesellschaftlichen Struktur“ anführt.

In Hinblick auf diese Ausführungen ist klar geworden, wie wichtig es ist, verschiedene Ebenen miteinander in Beziehung zu setzen, um ein „Gesamtbild“ erhalten zu können.

Ein Ziel dieser Arbeit ist es, ein Instrument zu entwickeln, welches es ermöglicht, für die Organisationsstufe fünf und sechs Daten zu erheben, mit deren Hilfe man in weiterer Folge Rückschlüsse auf die soziale Kompetenz einer Person ziehen kann.

Dabei sollte jedoch berücksichtigt werden, dass die Organisationsstufen eins bis vier sowie die von Zimmer vorgeschlagene Organisationsstufe sieben bei diesem Instrument unberücksichtigt bleiben.

Nachdem die grundlegenden Probleme bei der Erforschung der sozialen Kompetenz anhand der von Zimmer (1978) beschriebenen „Ebenen-Problematik“ diskutiert wurden, soll im nächsten Abschnitt näher auf die Erfassungsmethoden  der sozialen Kompetenz eingegangen werden. Weiters wird auch der Versuch unternommen, für das Ziel dieser Arbeit bereits eine Methode zu bestimmen.

 Methoden zur Erfassung der sozialen Kompetenz

Erste Versuche, soziale Fähigkeiten zu messen, resultieren aus der intensiven Beschäftigung mit sozialer Intelligenz, die heute allerdings aufgrund ihrer geringen Validität so gut wie nicht mehr eingesetzt werden. Das Interesse der psychologischen Eignungsdiagnostik verlagerte sich in Richtung Erfassung sozialer Kompetenz, sodass Verfahren entwickelt wurden, die sich insbesondere durch einen stärkeren Verhaltensbezug und durch eine realitätsnähere Fragestellung kennzeichnen lassen. Zu diesen Verfahren zählen Fragebögen mit deutlichem Verhaltensbezug, wie z.B. Interviewverfahren, Gruppendiskussionen und Rollenspiele (vgl. Karkuschka, 1997, S. 31).

Grundsätzlich lassen sich zwei Gruppen von Methoden zur Erfassung sozialer Kompetenz feststellen:

1) Gruppe:

  • Fragebogen mit Selbsteinschätzung
  • Fragebogen mit Fremdbeurteilung
  • Situative Interviews (z.B. Vorstellungsgespräch)

2) Gruppe:

  • Verhaltensbeobachtung im Alltag
  • Verhaltensbeobachtung in Gruppendiskussionen
  • Verhaltensbeobachtung in Rollenspielen

Die erste Gruppe ist dadurch gekennzeichnet, dass die angeführten Methoden zum Teil sehr stark strukturiert sind und in den meisten Fällen kein deutlicher Verhaltensbezug  gegeben ist. Sozial kompetentes Verhalten einer Person wird nicht aus einer konkreten Situation erschlossen, sondern durch den Selbst- bzw. Fremdbeurteiler erinnert bzw. verbalisiert. Sozusagen wird bei diesen Methoden die selbst- bzw. fremdwahrgenommene soziale Kompetenz einer Person erfasst.

Aus ökonomischer Sicht sind diese Verfahren sinnvoll, da sie mit einem wesentlich geringeren Erhebungsaufwand durchgeführt werden können als beispielsweise durch die Methoden der zweiten Gruppe.

Hingegen ist bei der zweiten Gruppe ein sehr großer Verhaltensbezug gegeben, der eine bessere Erfassung der sozialen Kompetenz hinsichtlich der Kriteriums-Validität ermöglicht (siehe dazu auch die Ausführungen in Abschnitt 1.7) sowie (vgl. Riedwyl, 1997, S. 96f.).

Es stellt sich nun die Frage, welche Methode sich am besten für das definierte Ziel, nämlich ein Instrument zur Erfassung der sozialen Kompetenz für die Personengruppe der erwachsenen Menschen mit einer intellektuellen Behinderung zu entwickeln, eignet? Um  dies bestimmen zu können ist vorher noch zu klären, welche Anforderungen durch die Methode erfüllt werden sollen.

Es lassen sich bereits im Vorfeld Ansprüche festlegen, die ein Instrument zur Erfassung der sozialen Kompetenz realisieren sollte.

Folgende Ansprüche sollten erfüllbar sein:

  • deutlicher Verhaltensbezug
  • deutlicher Realitätsbezug
  • Erfassbarkeit diverser situationsspezifischer Anforderungen
  • Zumutbarkeit des Erhebungsaufwandes
  • die Anwendung dieses Instrumentes sollte nicht nur von „Experten“ durchgeführt werden können
  • angemessene Kriteriums-Validität
  • angemessene Reliabilität
  • Anwendbar sein, für die Bestimmung der sozialen Kompetenz erwachsener Menschen mit einer intellektuellen Behinderung

Im folgenden Absatz sollten nun die einzelnen Methoden hinsichtlich der Personengruppe (siehe dazu die Ausführungen in der Einleitung) näher besprochen werden.

In Hinblick auf die Personengruppe dieser Untersuchung scheint es nicht sinnvoll zu sein, einen Fragebogen mit Selbsteinschätzung zu entwickeln. Dies würde nämlich zur Folge haben, dass man bereits im Vorfeld eine gewisse Selektion durchführen müsste. Denn diesen Fragebogen könnten nur jene Personen ausfüllen, die auch über die dafür notwendigen „kognitiven Ressourcen“ verfügen. Für alle anderen Personen wäre dieser Fragebogen nicht zweckmäßig.

Wendeler (1993) schreibt über diese Personengruppe wie folgt:

„Geistig mäßig behinderte besitzen alle grundlegenden Voraussetzungen zur Selbstversorgung, werden aber nicht völlig unabhängig. Ihre Sprache genügt für Verständigungszwecke, ist aber manchmal etwas unverständlich. Lesen können sie gar nicht oder nur ganz wenig, ebenso wenig können sie mit Geld umgehen.“ (Zitat nach Wendeler, 1993, S. 13)

Fragebögen mit Fremdbeurteilung würden grundsätzlich als Methode in Frage kommen, weisen aber eine mäßige Kriteriums-Validität sowie Reliabilität auf.

Vergleiche von Selbst- und Fremdeinschätzungen mit dem ICQ (Interpersonal Competence Questionnaire) zeigen eine mäßige Übereinstimmung (zwischen r = .21 und .50), wenn die Fremdeinschätzung durch eine nahe Person, -beispielsweise eine gute Freundin oder einen guten Freund- vorgenommen wird. Die Fremdeinschätzung durch eine Person, welche die zu beurteilende Person nicht kennt und nur kurz mit ihr interagiert, stimmt mäßig (r = .28) mit der Einschätzung der Dimension „Initiieren von Interaktionen“ überein (vgl. Riedwyl, 1997, S. 98).

Zudem ist es fraglich, ob bei dieser Methode die Herstellung eines angemessenen Realitäts- und Verhaltensbezuges möglich ist.

Situative Interviews würden sich für die Erfassung sozialer Kompetenz grundsätzlich eignen, wenn sie gewisse standardisierte Ablaufpläne und Fragestellungen beinhalten würden. Es lassen sich jedoch auch bei dieser Methode dieselben Fragen stellen, wie dies bereits bei den Methoden „Fragebogen mit Selbsteinschätzung und Fremdbeurteilung“ der Fall war.

Die Verhaltensbeobachtung im Alltag bezieht sich auf die Messung sozialen Verhaltens in natürlicher Umgebung. Jedoch stellt sich bei dieser Methode die Frage, wer, was und zu welchem Zeitpunkt, wo beobachtet wird. Alltagsbeobachtung heißt nämlich, Entscheidungen darüber zu treffen, was ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken soll und wie das Beobachtete zu interpretieren bzw. zu deuten ist.

Um dies zu erkennen und die Subjektivität der Beobachtung so weit wie möglich einzuschränken oder zu kontrollieren, ist es notwendig, an die Beobachtung systematisch heranzugehen. Für eine systematische Beobachtung ist es deshalb auch notwendig, einen genauen Beobachtungsplan zu erstellen, der z.B. vorschreibt (vgl. Bortz, 1995, S. 240f.):

  • was (und bei mehreren Beobachtern auch von wem) zu beobachten ist,
  • was für die Beobachtung unwesentlich ist,
  • ob bzw. in welcher Weise das Beobachtete gedeutet werden darf,
  • wann und wo die Beobachtung stattfindet und
  • wie das Beobachtete zu protokollieren ist.

Aufgrund dieser Ausführungen kann angenommen werden, dass eine unsystematische Beobachtung der sozialen Kompetenz im Alltag zu keiner validen Beurteilung führen wird. Es besteht jedoch die Möglichkeit, eine systematische Verhaltensbeobachtung im Alltag durchzuführen. Hier ergibt sich jedoch die Frage, ob zum Einen diese Beobachtung auch von Laien durchgeführt werden kann und zum Anderen, ob der zeitliche Aufwand für diese Erhebung zumutbar ist.

Bei der Verhaltensbeobachtung in Gruppendiskussionen stellt sich die Frage, ob eine rege Teilnahme an dieser Diskussion zu erwarten ist. Weiters ist es fraglich, ob sich in dieser eher künstlichen Situation ein gewisses Maß an Realitäts- und Verhaltensbezug herstellen lässt. Hinsichtlich der Systematik der Verhaltensbeobachtung stellen sich auch hier die gleichen Fragen wie bei der Verhaltensbeobachtung im Alltag.

Ebenso lassen sich bei der Verhaltensbeobachtung in Rollenspielen die gleichen Fragen stellen, wie dies bereits bei der Verhaltensbeobachtung im Alltag und in Gruppendiskussionen geschehen ist.

Bei Rollenspielen handelt es sich um ein Hilfsmittel, um reale Situationen zu simulieren. Dabei werden Personen aufgefordert, bestimmte Rollen einzunehmen, sich dabei jedoch möglichst natürlich, wie in einer realen Situation, zu verhalten. Bei dieser Methode ist jedoch auch zu überlegen, inwieweit, bei der in der Einleitung beschriebenen Personengruppe, von einer dem Alter entsprechenden Rollenflexibilität und Fähigkeit zur Perspektivenübernahme ausgegangen werden kann.

Holtz et al. (1998) schreibt, dass bei Untersuchungen mit Menschen mit einer intellektuellen Behinderung in Bezug auf die Perspektivenübernahme in der Mehrzahl der Fälle vergleichbare, aber verlangsamte Entwicklungssequenzen erkennbar sind (vgl. 1998, S. 116).