Definition soziale Kompetenz

Was ist soziale Kompetenz?

Wie wir im vorhergehenden Abschnitt sehen konnten, beschreibt der Begriff der Kompetenz, die generelle Fähigkeit, die Umwelt durch Anpassung zu kontrollieren. Im Zentrum von Kompetenzmodellen steht das effektive Erreichen von Ergebnissen im Generellen, während Modelle der sozialen Kompetenz mehr auf spezifische Fähigkeiten, welche einer Leistung oder einem kompetenten Verhalten zugrunde liegen, fokussieren. Zudem bezieht sich soziale Kompetenz auf den effektiven Umgang zwischen Menschen; soziale Kompetenzmodelle versuchen zu erklären, wie und weshalb Menschen adäquat miteinander umgehen (vgl. Spitzberg & Cupach, 1984).

Wine (1981) schreibt hierzu, dass „soziale Kompetenz“ allen Ansätzen Raum bietet, die sich im weitesten Sinne mit der Person – Umwelt – Beziehung unter dem Aspekt der Veränderbarkeit und Entwicklung auseinandersetzen (vgl. Nöbauer, 1999, S. 26).

Diese Ansicht vertritt auch Holtz (1994), wenn er schreibt:

„Soziale Kompetenz dürfte das Schicksal vieler eingängiger psychologischer Konzepte teilen: Es entwickelt sich zu einem „Regenschirm“-Konstrukt, unter dessen breitem Dach sich alles zu versammeln scheint, was neue Lösungen auf alte Fragen verspricht. Es wird im Zusammenhang mit Motivation (Harter 1985, Heckhausen 1980, White 1959), Intelligenz und Verhaltensabweichungen und Psychopathologie (z.B. Feldhege & Krauthahn1979, Garmezy et al. 1980, Goldfried & D´Zurilla 1969, Sommer 1977, Spivack &Shure 1974) verwendet.“ (Zitat nach Holtz, 1994, S. 114)

Holtz (1994) hat hier einen Sachverhalt angesprochen, der sich meines Erachtens in den letzten Jahren eher noch verschärft hat. Es wird im Alltagsbereich zunehmend mehr von sozialer Kompetenz bzw. von sozial kompetentem Verhalten gesprochen. Jedoch scheint es mir dabei weniger um eine momentane, situative Feststellung zu gehen, sondern vielmehr um eine neue Form der Etikettierung und Klassifizierung, ähnlich wie es beim Konstrukt der Intelligenz der Fall ist. Orientiert man sich jedoch an den Definitionen sozialer Kompetenz, scheint mir die Gefahr eines Missbrauchs dieses Konstruktes nicht so groß.

Im Gegensatz zu Begriffen wie seelische Gesundheit und Krankheit besitzt der Begriff der sozialen Kompetenz nicht nur eine Beziehung zum Funktionieren des Individuums, sondern parallel dazu auch eine Beziehung zu den situativen Anforderungen.

In unterschiedlichen Kulturkreisen, aber auch in unterschiedlichen Milieus innerhalb eines Kulturkreises, können bei vergleichbaren situativen Anforderungen differierende Verhaltensweisen des Individuums erwartet werden. D. h., dass das Verhalten, das innerhalb eines Milieus die Person als sozial kompetent darstellt, innerhalb eines anderen Milieus, bei vergleichbaren situativen Anforderungen, als sozial inkompetent angesehen werden kann. (vgl. Zimmer, 1978, S. 474).

Definition des Konstruktes der „sozialen Kompetenz“

Eine Definition des Begriffes der „sozialen Kompetenz“ zu geben, wird erschwert durch den Umstand, dass „…er nicht nur vom Individuum her, sondern von sozialen Anforderungen und Situationsmerkmalen her bestimmt werden muss.“ (Zitat nach Zimmer, 1978a, S. 473)

Zimmer (1978) konkretisiert diese Ansicht, indem er schreibt, dass sich sozial kompetentes Verhalten am gelungenen Kompromiss zwischen Selbstverwirklichung und sozialer Anpassung bemisst. Weiters schreibt er, dass die Selbstverwirklichung und die soziale Anpassung sich hinsichtlich der Anforderungen gegenseitig ausschließen und zwei konträre Pole bilden. Gelingt die Ausbalancierung dieser strukturell bedingten, einander ausschließenden Anforderungen nicht, kann das Individuum nach Zimmer (1978) in eines der beiden Extreme verfallen.

„Es orientiert sich ausschließlich an sozialen Normen und Rollenerwartungen und verliert so sein Eigenleben, indem es sich den vielfältigen, ständig wechselnden Stimuli voll ausliefert und anpassen muss.

Oder es negiert die sozialen diskriminativen Stimuli, wodurch es in seiner „Einzigartigkeit“ stigmatisiert wird und ebenfalls als sozialer Interaktionspartner ausfällt. In beiden Fällen ist soziales Zusammenleben erschwert oder unmöglich geworden.“ (Zitat nach Zimmer, 1978, S.490)

Es scheint, dass eine gelungene Interaktion eben nur durch gleichzeitiges Einlassen auf ein intersubjektiv verständliches System von Spielregeln und gleichzeitiger Distanz zu eben diesen Rollenerwartungen möglich ist.

Auch Dosen (1997) konnte diese beiden Extreme in Großinstitutionen, in denen Menschen mit einer intellektuellen Behinderung untergebracht sind, beobachten. Er schreibt, dass es zwei große Gruppen zu beobachten gab. Die eine Gruppe verhielt sich überdurchschnittlich angepasst und hatte keine Probleme mit bekannten oder fremden Personen Kontakt aufzunehmen. Hingegen verhielt sich die andere Gruppe sehr zurückgezogen und zeigte keinerlei Interesse an der Umwelt.

Diese Beobachtung von Dosen (1997) lässt den Schluss zu, dass es den Menschen mit einer intellektuellen Behinderung in dieser Großeinrichtung nicht gelungen  bzw.  nicht möglich war, eine Balance zwischen den beiden Anforderungen herstellen zu stellen.

Diese beiden Anforderungen an ein Individuum lassen sich auch bei der Definition von Holtz (1994) wieder finden. Er bezieht den Begriff der sozialen Kompetenz auf die Gruppe der Menschen mit einer intellektuellen Behinderung und spricht von allgemeiner oder ökologischer Kompetenz.

 „…, die soziale Kompetenz als das übergeordnete Organisationsprinzip bezeichnen, welches das Selbst und die Ressourcen der Umwelt mit dem Ziel der Selbst-Erhaltung und Selbst-Entwicklung in eine möglichst günstige Beziehung setzt. (Es empfiehlt sich, um Missverständnissen vorzubeugen, dieses übergeordnete Konstrukt als „ökologische Kompetenz“ zu bezeichnen.“ (Zitat nach Holtz, 1994, S. 139)

Die Inhalte, die in diesem Abschnitt diskutiert wurden, sollen darauf hinweisen, wie zentral diese beiden beschriebenen Anforderungen für die Ansätze der sozialen Kompetenz sind.

Nöbauer (1999) beschreibt in Hinblick auf die Anforderungen zwei Richtungen, die sie als Grundorientierung bezeichnet. Eine Richtung orientiert sich eher an der Erfüllung situativer Anforderungen, an Effizienz und stabilen Problemlösungen. Eine andere Richtung zielt auf das psychische Wohlbefinden der handelnden Personen  in dem sie ihre Rechte oder Wünsche artikulieren und durchsetzen.

Weiters schreibt sie, dass der „Königsweg“ in der Synthese beider Aspekte gesehen werden kann.

Diese Trennung in zwei Richtungen lässt sich auch bei den Definitionen zur sozialen Kompetenz beobachten. Die Kriterien bei den Definitionen zu sozialer Kompetenz bewegen sich in einem Spannungsfeld zwischen individuums-, situations- bzw. aufgabenbezogenen Verständnisweisen.

Somit ergeben sich zwei konträre Richtungen, auf die im folgenden Abschnitt näher eingegangen werden soll (vgl. Nöbauer,1999, S. 26f.).

Individuumsbezogene Definitionen

Darunter sind jene wenigen Ansätze einzureihen, die die Realisierung individueller Zielsetzungen in den Mittelpunkt stellen. Vor allem handlungstheoretischorientierte Ansätze betonen das Erreichen individueller Handlungsziele bzw. das Realisieren von Handlungsplänen, wobei die Wahl der Ziele an sich in diesen Ansätzen nicht als Maßstab für soziale Kompetenz zum Ausdruck kommt.

Im folgenden werden nun einige ausgewählte Definitionen dargestellt, bei denen es offensichtlich erkennbar ist, dass die Realisierung individueller Zielsetzungen im Mittelpunkt steht.

„…als die Verfügbarkeit und angemessene Anwendung von Verhaltensweisen (motorischen, kognitiven und emotionalen) zur effektiven Auseinandersetzung mit konkreten Lebenssituationen, die für das Individuum und/oder seine Umwelt relevant sind.“ (Zitat nach Sommer, 1977, S. 75)

„Soziale Kompetenz als das übergeordnete Organisationsprinzip bezeichnen, welches das Selbst und die Ressourcen der Umwelt mit dem Ziel der Selbst-Erhaltung und Selbst-Entwicklung in eine möglichst günstige Beziehung setzt.“ (Zitat nach Waters &  Sroufe, 1983, S. 138)

“ …ist verschiedenen Versuchen zur Definition des Begriffs gemeinsam, dass sie das erfolgreiche Realisieren von Zielen und Plänen in sozialen Interaktionssituationen hervorheben.“ (Zitat nach Greif, 1983, S. 312)

„Soziale Handlungskompetenz ist somit die Fähigkeit des Individuums, seine sozialen Bedürfnisse, Interessen und Rechte selbständig zu erkennen und zu artikulieren (…), sich zielgerichtet auf deren Verwirklichung zu orientieren (…) und dieses Wissen in der Weise in sein soziales Handeln zu übertragen (…), dass es in seiner sozialen Interaktion subjektiv befriedigende Verstärkung erlangen kann.“ (Zitat nach Feldhege & Krauthahn, 1979, S. 8)

Situationsbezogene Definitionen

Als Kriterien für soziale Kompetenz gelten in diesen Konzepten Effektivität oder Angemessenheit des individuellen Handelns. Während der erste Begriff auf die Erreichung eines Zieles, die Erfüllung einer Aufgabe bzw. Optimierung eines Ergebnisses zielt, meint Angemessenheit die Einhaltung von sozialen oder interpersonalen Normen oder Regeln bzw. die Erfüllung von Erwartungen.

Als Beispiel für an externen Konsequenzen orientierten Definitionen können an dieser Stelle die Definitionen zur sozialen Kompetenz z.B. von Döpfner (1989) sowie Hinsch & Pfingsten (1991) angeführt werden. Beide beziehen sich auf das Kriterium der „Angemessenheit“ sozialen Handelns.

„Soziale Kompetenz kann definiert werden als die Verfügbarkeit und angemessene Anwendung von aktionalen (d.h. verbalen und nonverbalen) Verhaltensweisen zur effektiven sozialen Interaktion in einem spezifischen sozialen Kontext, so dass dieses Verhalten kurz- und langfristig ein Maximum an positiven und ein Minimum an negativen Konsequenzen für eine Person hat und von der Umwelt als positiv, zumindest aber als akzeptabel bewertet wird.“ (Zitat nach Döpfner, 1989, S. 2)

In Anlehnung an Döpfner et al. (1981) definieren Hinsch & Pfingsten soziale Kompetenz wie folgt:

„…als die Verfügbarkeit und Anwendung von kognitiven, emotionalen und motorischen Verhaltensweisen, die bestimmten sozialen Situationen zu einem langfristig günstigen Verhältnis von positiven und negativen Konsequenzen führen.“ (Zitat nach Hinsch & Pfingsten, 1991, S. 4)

Auch Riemann & Allgöwer beziehen sich in ihrer Definition auf externe Konsequenzen:

„Soziale Kompetenz wird Personen zugesprochen, die in der Lage sind, so mit anderen Personen zu interagieren, dass dieses Verhalten ein Maximum an positiven und ein Minimum an negativen Konsequenzen für eine der an der Interaktion beteiligten Personen mit sich bringen. Darüber hinaus muss das Interaktionsverhalten mindestens als sozial akzeptabel gelten.“ (Zitat nach Riemann & Allgöwer, 1993, S. 153)

Abschließend kann gesagt werden, dass allen diesen Begriffsbestimmungen gemeinsam ist, dass es um die individuelle „Beherrschung von Situationen“ geht und dass der Bezugspunkt immer die Person mit ihren Fähigkeiten, Zielen, Interessen, usw. ist.

Bei der Beurteilung der sozialen Kompetenz von Menschen mit einer intellektuellen Behinderung ist es meines Erachtens wichtig zu hinterfragen, wie es mit der Unabhängigkeit und Autonomie bei dieser Personengruppe bestellt ist.

Ein großes Problem bei diesen Ansätzen scheint mir die Annahme zu sein, dass das Individuum über eine völlige Autonomie und Unabhängigkeit verfügt und es nur an ihm liegt, ob es sich „durchsetzen bzw. behaupten“ kann. Diese Autonomie und Unabhängigkeit trifft meiner Ansicht nach bei Menschen mit einer intellektuellen Behinderung nicht bzw. sehr eingeschränkt zu.

Sie sind meistens in soziale Netzwerke eingebettet, die ihnen nur wenig Raum zur Verfügung stellen, sich selbst verwirklichen zu können.

Diese Tatsache ist aus meiner Sicht auch eine Ursache unter vielen, die zu Verhaltensauffälligkeiten und psychischen Störungen führen können.

Deshalb ist es  wichtig zu unterscheiden, für welche Personengruppe  soziale Kompetenz definiert werden soll. Zu Beginn sollte immer überprüft werden, welche Handlungsmöglichkeiten es im sozialen Netzwerk, in dem sich jemand befindet, überhaupt gibt. Erst dann kann  das Verhalten hinsichtlich sozialer Kompetenz  definiert und beurteilt werden.

Zum Beispiel ist ein Manager sicher viel autonomer und unabhängiger als ein Mensch mit einer intellektuellen Behinderung. Deshalb ist die Frage, nach dem was soziale Kompetenz bei Menschen mit einer intellektuellen Behinderung ist, eine Frage, die nicht von ihnen selbst gestellt und beurteilt wird, sondern in den meisten Fällen ausschließlich von ihrem nächsten Umfeld.

Burow (1987) kritisiert bei vielen Ansätzen zur sozialen Kompetenz die totale Konzentration auf das Individuum und die gleichzeitig stattfindende Ausblendung gesellschaftlicher Einflüsse (vgl. Burow, 1987, S. 308).

Ebenso führen Wurbel, Brenner & Lazarus (1981) eine Reihe von Untersuchungen an, in denen sie die Bedeutung der Umgebung für die Realisierung von sozialer Kompetenz belegen. Sie kritisieren an den vorherrschenden Kompetenzmodellen die Überbewertung der individuellen Möglichkeiten und plädieren dafür, dass soziale Kompetenz ihren globalen Anspruch verlieren und sich der Untersuchung konkreter Interaktionssituationen zuwenden sollte.